Präsident der Deutschen Bundesbank Prof. Dr. Joachim Nagel: Wirtschaftssituation in Deutschland besser als die Stimmung
Rund 200 Kaufleute und Gäste nahmen am Freitagabend (2.10.2026) im Scanhotels City an der Jahresköste teil, einem Festmahl nach alter hanseatischer Tradition, das seit 1994 wieder rund um Erntedank in Rostock gefeiert wird. Dabei steht neben Geselligkeit und dem Austausch unter den Unternehmern der Gedanke der Wohltätigkeit im Mittelpunkt. „Als Unternehmer übernehmen wir soziale Verantwortung. Wir wollen Gutes tun und die Stadt schöner und reicher machen“, erklärte Marcus Diestel, Öllermann der Kaufmannschaft und Klimatechnik-Unternehmer. Als er nach der Tischsammlung das großartige Spendenergebnis von 100.777 Euro verkündete, erhoben sich die Kaufleute von ihren Plätzen. Es gab langen Applaus für das neue Rekordergebnis. Mehrfach bedankte sich Marcus Diestel bei allen Teilnehmern für die Großzügigkeit.
Gesammelt wurde in diesem Jahr für zwei Kunst- und Kultur-Projekte. „Kultur ist entscheidend, um unsere Identität und Geschichte zu bewahren“, betonte Öllermann Marcus Diestel. Sie helfe, die Welt besser zu verstehen und bereichere das Leben. Der Vorstand der Kaufmannschaft hatte beschlossen, ein Kunstwerk zur Erinnerung an den Schriftsteller und Chronisten Walter Kempowski (1929-2007), einen der bedeutendsten Söhne der Stadt, in Auftrag zu geben. Am Kempowski-Ufer im Rostocker Stadthafen soll im kommenden Jahr eine Stele mit einer Bronzebüste aufgestellt werden. Anfertigen wird die Büste der renommierte Bildhauer Bertrand Freiesleben, der bereits bedeutende Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker, Egon Bahr und Kurt Masur porträtierte. Die Kosten für Anfertigung und Aufstellung belaufen sich auf rund 35.000 Euro.
Beim zweiten Projekt handelt es sich um eine Förderung zum Erhalt des Glockenspiels im Rostocker Fünfgiebelhaus. Mit großer Leidenschaft habe insbesondere Musikpädagoge Olaf Sandkuhl seit fast 40 Jahren das Carillon erklingen lassen. Für die Fortführung der Tradition und die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses wird nun ein Glockenspiel-Übungstisch benötigt. Rund 10.000 Euro werden dafür bereitgestellt. Der Vorstand der Kaufmannschaft werde darüber hinaus beraten, welche Projekte nach der Spenden-Gala zusätzlich gefördert werden, erklärte der Öllermann. Im laufenden Jahr waren u.a. bereits Mittel für den Rostocker Ruderclub RRC von 1885 ausgereicht worden, um ein Großboot für den Kinder- und Jugendsport zu finanzieren.
Mit Spannung erwarteten die Jahresköste-Teilnehmer den Festredner des Abends, Prof. Dr. Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank. Seine Botschaft lautete in aller Kürze: Die Wirtschaftssituation in Deutschland ist besser als die gegenwärtige Stimmung. Noch vor einem halben Jahr sei man von einem Wirtschaftswachstum in Höhe von 0,6 Prozent ausgegangen, jetzt rechne man mit 1,2 bzw.1,3 Prozent Wachstum. Verantwortlich für diese positive Entwicklung, so Nagel, sei das Fiskalpaket der Bundesregierung. Um das Wachstum weiter zu verstetigen, müssten zügig die Reformpakete umgesetzt werden. Das gelte insbesondere für das Rentensystem. Denn die Vorschläge würden den demografischen Herausforderungen und der Finanzierbarkeit Rechnung tragen. Dazu zähle er die Kopplung der Altersgrenzen an die Lebenserwartung und die Abschaffung der abschlagsfreien Rente für langjährig Versicherte, sagte Prof. Dr. Joachim Nagel.
Während des Festmahls aus Ochsenschwanzsuppe, Rippenbraten und roter Grütze wurden ebenfalls nach altem Brauch Reden gehalten. In diesem Jahr war es Aufgabe von Robert Ristow, Erster Schenke und Geschäftsführer der Eurowasser Nord GmbH, die wirtschaftliche Situation in der Stadt zu betrachten. Er sprach von einer Stadt, in der es sich gut leben lasse. Allerdings gäbe es viele „nicht ausgeschöpfte Potenziale“. Er riet, dem Unternehmertum größere Freiheiten und mehr Raum zu geben. „Deutschland ist beim Aufstellen von Regeln Weltspitze.“ Er wolle die Verwaltung nicht erziehen oder belehren, er könne nur beschreiben, wie sie wirke. Er wünsche sich Mut in Rostock, Bürokratie abzubauen.
Bei Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger kam die Rede gut an. Viele Gedanken, so meinte sie, würde sie teilen. Es läge in der Natur der Sache, dass Verwaltung und Wirtschaft nicht immer einer Meinung sind. Flexibilität und Wandlungsfähigkeit sei für Unternehmer ein Muss, um Krisen meistern zu können. Im öffentlichen Dienst sei das Beharrungsvermögen ausgeprägt, Forderungen würden gern abgewehrt. „Ich will das System verändern“, betonte sie. In der Verwaltung müsse man lernen, den Bürger als Kunden zu sehen. Dieser habe beispielsweise ein Recht zu erfahren, was er dafür bekommt, wenn 200 Millionen Euro in der Stadt für Personalkosten ausgegeben werden. Oberbürgermeisterin Eva-Maria Kröger kündigte an, Beamtenstellen abzubauen. Das Beamtentum passe nicht mehr in die Zeit. Allerdings brauche auch dies Jahrzehnte.

